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Kalter Kaffee von morgen

In der brütenden Hitze Ho Chi Minhs bestellte ich mir einen «Cà phê sua dá». Dafür wird ein Behälter mit Sieb direkt auf das mit Eiswürfeln gefüllte Glas gestellt. Nach ein paar erwartungsvollen Minuten ist der Kaffee durch das Sieb getropft. Zum Abschluss wird das Ganze mit einem Schluck gesüsster Kondensmilch angereichert und mein Espressofetisch landet als Vorurteil im mentalen Mülleimer.


In der brütenden Hitze Ho Chi Minhs bestellte ich mir einen «Cà phê sua dá». Dafür wird ein Behälter mit Sieb direkt auf das mit Eiswürfeln gefüllte Glas gestellt. Nach ein paar erwartungsvollen Minuten ist der Kaffee durch das Sieb getropft. Zum Abschluss wird das Ganze mit einem Schluck gesüsster Kondensmilch angereichert und mein Espressofetisch landet als Vorurteil im mentalen Mülleimer. Plötzlich sehe ich in den Strassen Vietnams eine Kaffeekultur, deren Fremdartigkeit mich immer mehr entzückt. An gefühlt jeder Strassenecke springt einem ein Schild an, das häufig plump mit «Cà phê» wirbt. Er wird überall von aller Couleur auf eine unaufgeregte, schnörkellose Art und Weise getrunken.

Durch den gestiegenen Wohlstand sind in Südostasien die hippen Espressobars nur so aus dem Boden geschossen. Überall erhält man qualitativ hochwertigen Espresso, der jedoch seinen Preis hat, oftmals mindestens das Doppelte einer Mahlzeit am Strassenstand. Das italienische Massenprodukt ist hier ein soziales Distinktionsmerkmal der Oberschicht. In Vietnam hält man es italienisch, gut und günstig.

Die Kaffeepflanze brachten die französischen Kolonialherren mit, um ihrer Leidenschaft für das schwarze Gold auch abseits ihrer Heimat zu frönen. Im Hochland Vietnams fanden sie geeignete klimatische Bedingungen. Als Exportgut blieb der Kaffee lange Zeit unbedeutend und die weltweit steigende Nachfrage in den Nachkriegsjahrzehnten konnte wegen des Vietnamkriegs nicht bedient werden. Um sich nach all der Verwüstung aus der Armut zu hieven, wurde Ende der 1970er-Jahre der Kaffeeanbau durch die kommunistische Zentralregierung stark gefördert. Doch erst mit den wirtschaftlichen Reformen «Doi Moi» (Einführung der Marktwirtschaft) 1986 nahm der Kaffeeanbau durch private Initiativen langsam an Fahrt auf. Angelockt durch die Subventionspolitik (billige Kredite) wanderten über eine halbe Million Vietnamesen von der Tiefebene ins Hochland und lösten eine atemberaubende Anbauschlacht aus. Von 1981 bis 2011 hat sich der Export von Kaffee verzwanzigfacht. Schon im Jahr 2000 stieg Vietnam zum zweitgrössten Kaffeeexporteur der Welt auf.

Das Setzen auf Quantität führte dazu, dass dem vietnamesischen Kaffee eine schlechte Qualität nachgesagt wurde. Doch durch Kreationen mit Eiern, Kondensmilch und Kokosnussmilch entstehen Getränke, die zwar eigen sind, aber sich qualitativ nicht verstecken müssen. Auch dem Espresso in Italien mussten damals billigere Bohnen beigemischt werden, um ihn als Massenprodukt etablieren zu können. Seinen unverwechselbaren Charakter, der heute weithin geschätzt wird, wurde aus der Not geboren. Wer weiss, vielleicht findet sich irgendwann «Cà phê sua dá» auf der Speisekarte hipper Cafés im Westen. Bis dahin sehen Sie mich im Supermarkt beim Suchen der Kondensmilch.


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Akrobatische Meisterleistung

Um unseren Bus bildet sich eine Traube. Schilder mit diversen Hotelnamen werden an unsere Scheibe gedrückt. Wir erkennen unseres und folgen «small but spicy» zu seinem Tuk Tuk. Er ist zwar nicht unser Abholservice, fährt uns aber trotzdem gratis zum Hotel, in der Hoffnung, uns eine Tour anbieten zu können.


Um unseren Bus bildet sich eine Traube. Schilder mit diversen Hotelnamen werden an unsere Scheibe gedrückt. Wir erkennen unseres und folgen «small but spicy» zu seinem Tuk Tuk. Er ist zwar nicht unser Abholservice, fährt uns aber trotzdem gratis zum Hotel, in der Hoffnung, uns eine Tour anbieten zu können. Unser Hotel in Battambang wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, wie auch der Rest des alten französischen Kolonialviertels. Die Hitze ist drückend und die Strassen sind staubig. Der Touristenstrom aus Angkor Wat reicht meist nicht bis hierher und ist nach dessen Abreissen durch die Pandemie nur noch ein Rinnsal. Hinter der tristen Fassade der Szenerie verbergen sich jedoch Geschichten, die unsere Herzen tief berührten.

Der Krieg in Vietnam, der sich auch auf Kambodscha ausweitete, trieb die Bevölkerung in die Arme der roten Khmer, die unter der Führung Pol Pots und seiner Schergen die Kambodschaner zurück in die Steinzeit knüppelten. Circa zwei Millionen Menschen (ein Viertel der Bevölkerung) verloren unterdiesem selbstzerstörerischen Terrorregime ihr Leben. Mit der Zeit bestanden die Folter-und Exekutionskommandos durch den schieren Menschenverschleiss mehrheitlich aus Jugendlichen. Das Regime wurde nach circa vier Jahren durch den Einmarsch der Vietnamesen abgesetzt. Viele Regimeanhänger liefen über, gewisse Führungsfiguren wurden verurteilt, aber eine kollektive Aufarbeitung fand nie statt. Wie kann eine Gesellschaft solch ein Trauma überwinden?

Ein tosender Applaus hallt durch das Zirkuszelt des «Phare Selpak Ponleu». Die Jugendlichen verbeugen sich nach ihrer selbstkonzipierten Aufführung vor ihren Familien, Freunden und den internationalen Gästen. Die Artisten sind Schülerinnen und Schüler der Kunstschule, die von ehemaligen Flüchtlingskindern mit Hilfe ihrer französischen Kunstlehrerin, die sie im Camp unterrichtet hatte, aufgebaut wurde. Aus einer Maltherapie wurde eine Kunstschule. Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche erhalten hier gratis eine künstlerische Ausbildung, die ihnen das Rüstzeug für ein erfolgreiches Leben an die Hand geben soll. Streift man durch Battambang, findet man hübsche Cafés, Läden und sogar das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Kambodscha. Oft stehen dahinter ehemalige Absolventinnen und Absolventen dieser Schule.

Die dunkle Vergangenheit der Elterngeneration schlägt sich bis heute in den sozialen Problemen der Jugend nieder. Doch stabile Institutionen mit den richtigen Werten können selbstbewusste Menschen hervorbringen, die ihre Umwelt Stück für Stück umkrempeln. Nicht alle Jugendlichen haben das Zeug zur Künstlerin oder zum Künstler, so wie «small but spicy». Trotzdem habe er an den Schulbesuch im «Phare» nur gute Erinnerungen. Wir stossen auf seinen Nachwuchs an und hoffen, dass er bald wieder als Tourguide arbeiten kann.


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Sich aus der Armut schlagen

Die Sonne brennt über Mumbai. Von der Aussichtsplattform neben einer Brücke überblickt man – vor dem Hintergrund riesiger Hochhäuser – die grösste Open-Air-Wäscherei Indiens. Ein kleines Mädchen gesellt sich dazu und verwickelt uns in ein Gespräch, als sie realisiert, dass wir keines ihrer Souvenirs kaufen wollen.


Die Sonne brennt über Mumbai. Von der Aussichtsplattform neben einer Brücke überblickt man – vor dem Hintergrund riesiger Hochhäuser – die grösste Open-Air-Wäscherei Indiens. Ein kleines Mädchen gesellt sich dazu und verwickelt uns in ein Gespräch, als sie realisiert, dass wir keines ihrer Souvenirs kaufen wollen. 9 Monate lebt und arbeitet ihre Familie hier, bis sie in ihre Heimat Gujarat zurückkehren. Sie verkauft lieber Dinge, denn die Arbeit der Wäscher und Wäscherinnen ist hart und anstrengend.

Während wir in der Altstadt mit der Oberschicht in chic möblierten Bars zu Punjab-Rap Bier trinken, wird mir meine soziale Stellung auf eine unangenehme Art und Weise wieder ins Gedächtnis gerufen. In unserem Hostel werden Slumtouren angeboten. Der moralische Kompass dreht durch. Wir diskutieren, warum westliche Touristen mit sozialer Ader das Gefühl haben müssen, der Armut direkt ins Gesicht zu blicken. Hinschauen muss man, aber wie und warum?

Im Dhobi Ghat waschen täglich 7000 Wäscher und Wäscherinnen 16 bis 20 Stunden lang mehr als 100000 Kleidungsstücke für Krankenhäuser, Hotels und diverse Einrichtungen. Im Unterschied zum riesigen Heer an Arbeitern im informellen Sektor (ohne Vertrag, ergo ohne Sicherheiten) sind die «Dhobis» (Wäscher) gemeinschaftlich organisiert und der Waschplatz wird mittels Lizenz zugeteilt. Gewisse Familien leben seit Generationen hier und die erfolgreichsten müssen die Kleidungsstücke nicht mehr am Waschplatz von Hand trocken schlagen, sondern können auf Maschinen zurückgreifen.

Dass diese Form von Arbeit im industriellen Zeitalter noch wettbewerbsfähig ist, sagt viel über den Arbeitsmarkt aus. Die ärmere Hälfte der indischen Bevölkerung verdient im Schnitt (!) rund 150 Franken pro Monat und bewegt sich immer gefährlich nahe an der absoluten Armutsgrenze von 2 Dollar/Tag. Trotz Widrigkeiten sind die Bewohner und Bewohnerinnen stolz, dass sie sich seit mehr als 100 Jahren behaupten konnten.

Schwärmt man vom indischen Wirtschaftswachstum, das durchaus beeindruckend ist, gerät oft in Vergessenheit, dass Indien – trotz gewisser Verbesserungen für den ärmeren Teil der Bevölkerung – heute zu den Ländern mit den grössten sozialen Unterschieden gehört. Die Gründe sind vielschichtig und komplex. Auffallend ist jedoch, dass die indische Kultur eine ungeheure Konservierungskraft zu besitzen scheint. Zäh halten sich überkommene Vorstellungen. Progressive Gesetze versinken nur allzu oft im Morast traditioneller Gewohnheiten.

Während die Oberschicht nach Westen schaut und sich an europäischen Standards misst, schaue ich mir selbst zu, wie ich das Dhobi Ghat überblicke und das unsichtbare Gehäuse suche, das die Unterschichten von den Gewinnern der Globalisierung trennt. Ich schaue hin, um zu verstehen – versuche ich mir zumindest einzureden. Ich hoffe, das tun Sie auch.


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Dichtestress für Anfänger

Der Smog ist auf 30 Meter Entfernung sichtbar. Die nicht abreissende Blechlawine zwängt sich durch die zu engen Strassen. Mittendrin zwei hilflose Gestalten, die mit verlorenen Blicken nach dem nächsten Orientierungspunkt Ausschau halten und dabei gestikulieren, um sich im ohrenbetäubenden Strassenlärm zu verständigen.


Der Smog ist auf 30 Meter Entfernung sichtbar. Die nicht abreissende Blechlawine zwängt sich durch die zu engen Strassen. Mittendrin zwei hilflose Gestalten, die mit verlorenen Blicken nach dem nächsten Orientierungspunkt Ausschau halten und dabei gestikulieren, um sich im ohrenbetäubenden Strassenlärm zu verständigen. Der Ausweg ist geplant. Das Zugticket und die Sim-Karte sind gekauft. Zwei Landeier in der Betonhölle Delhi, deren Stresspegel von 0 auf 100 schnellt. Kein Herantasten, keine Angewöhnung – Indien hat uns in seinen Strudel hineingezogen.

Im Sektor 8 in Chandigarh fliesst der Verkehr geordnet. Riesige Strassen schliessen die Quartiere ab und lassen die Stadt aus der Vogelperspektive wie ein perfektes Raster aussehen. Hier ist nichts vom indischen Chaos spürbar. Die in den 50er-Jahren aus dem Nichts aufgebaute Stadt wird vom Auto dominiert, was ein bescheidenes Fussgängererlebnis zur Folge hat. Entworfen wurde sie vom schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier (dem Mann auf der alten 10er-Note).

Nach der Unabhängigkeit Indiens von den britischen Kolonialherren wurde Britisch-Indien in unvorbereiteter, überhasteter Weise in das heutige Indien und Pakistan aufgeteilt. Mit einem Strich auf der Landkarte wurden über Nacht ganze Bevölkerungsgruppen voneinander getrennt und einige fanden sich auf der falschen Seite der Grenze wieder. Als Folge entstand der grösste Bevölkerungsaustausch in der Geschichte, der unvorstellbares Leid und ein bis heute nachwirkendes Trauma auslöste.

Im Nordwesten führte die Grenze mitten durch den Punjab, dessen Hauptstadt Lahore heute in Pakistan liegt. Im Sinne des neu entstandenen, demokratischen Indiens gab Premierminister Nehru den Auftrag zum Bau einer neuen Bundeshauptstadt, welche die Aufbruchstimmung in ein modernes Indien symbolisieren sollte. Für Le Corbusier bot sich die Möglichkeit, seine Ideen der «idealen» Stadt in die Praxis umzusetzen. Ursprünglich wurde Chandigarh für 150000 Einwohnerinnen und Einwohner konzipiert. Heute besteht Chandigarh aus drei zusammengewachsenen Städten mit einer zehnfachen Einwohnerzahl, die das «perfekte» Muster der Stadt an den Rändern ausfransen lässt.

Solche massiven Bauvorhaben werden in der Zukunft noch häufiger realisiert werden, denn der Druck auf die Städte nimmt weiter zu. Chandigarh zeigt, dass dem Dichtestress mit mutiger Planung etwas entgegengesetzt werden kann und die Aneignung eines fremden Städtekonzepts möglich ist. Diese seltsame Stadt war für uns ein wohltuendes Intermezzo. Die kolossalen Veränderungen im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt sind aus dem fertig gebauten Dorf Schweiz nur schwer fassbar: Wenn Sie an der nächsten Gemeindeversammlung über einen Quartierplan debattieren, entsteht vielleicht irgendwo in Indien gerade eine neue Stadt


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Im Land der klirrenden Teetassen

Sobald wir uns aus dem Hipster-Biotop

Istanbul herausgekämpft hatten, was uns

wegen des einlullenden kosmopolitischen

Flairs schwieriger fiel als gedacht, rutscht

man schnurstracks in politische Spannungsfelder.


Sobald wir uns aus dem Hipster-Biotop Istanbul herausgekämpft hatten, was uns wegen des einlullenden kosmopolitischen Flairs schwieriger fiel als gedacht, rutscht man schnurstracks in politische Spannungsfelder. Die Gegenpole der «liberal»-kemalistischen und konservativ-islamischen Politik lassen sich anhand verschiedener Marker identifizieren. Wobei gesagt werden muss, dass unser klassisches Links-Rechts-Schema dabei nicht immer hilfreich ist.

Da wäre als Erstes der Staatsgründer der modernen Türkei, Kemal Pascha Atatürk. Atatürk ist ein selbst verliehener Name und bedeutet «Vater der Türken». Die Erzählung lautet: Ohne ihn wäre die moderne Türkei nie entstanden und das rückständige Osmanische Reich zwischen den Grossmächten aufgeteilt worden. Aus diesem Trauma heraus sah sich Atatürk verpflichtet, die gesamte islamische Kulturtradition in autoritärer Manier zum Verschwinden zu bringen. Auf erratische Weise wurde versucht, eine genuin «türkische» Kultur ohne den Islam zu etablieren, in der zum Beispiel das lateinische Alphabet eingeführt wurde und Familien Nachnamen nach westlichem Vorbild bekamen. Heute fungiert Atatürk mehrheitlich als Identifikationsfigur für die – aus westlicher Sicht – «liberaleren» Türken. Von Restaurants über Coiffeursalons bis zu Strassenlaternen, überall thront das stolze Antlitz Atatürks. Je mehr man jedoch in konservativ-islamische Regionen fährt, desto rarer macht sich der «Vater der Türken».

Was jedoch zunimmt, sind die penibel restaurierten historischen Moscheen. Nach unzähligen Bewunderungstouren alter islamischer Baukunst beschleicht einem der Gedanke, dass Unsummen staatlicher Gelder eingesetzt werden, um der islamischen Kultur zu neuem Glanz zu verhelfen und einige Verheerungen Atatürks rückgängig zu machen. Gleiches gilt für die moderne Infrastruktur, die sehr pompös daherkommt.

Immer wieder wird man Zeuge von politischen Diskussionen auf öffentlichen Plätzen, die engagiert und hitzig geführt werden. Junge Leute berichten über ihre Erfahrungen mit Zensur. Die Ambivalenzen sind auch beim Thema Kopfbedeckung sichtbar. «Mit oder ohne» scheint vielen jungen Frauengruppen egal zu sein, obwohl auch das Kopftuch immer wieder stark politisiert wird.

Sieht man von all diesen Differenzen einmal ab, kristallisieren sich die Grundfesten der türkischen Kultur vordergründig im Teetrinken und Rauchen heraus (zumindest bei den Männern). Die kontemplative Aura der Teetrinker wird durch das Klirren der umrührenden Teelöffel untermalt und durch den obligatorischen Glimmstängel in Rauch gehüllt. Wahrlich ein Genuss, sich in dieses Schauspiel der Gelassenheit einzufügen. Trotz der protestierenden Raucherlunge war die türkische Teekultur ein Highlight, nicht zuletzt auch dank der anregenden Gespräche, in die wir verwickelt wurden.


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Hellenischer Helvetier

Wenn man an Griechenland denkt, erscheint einem wohl als Erstes die Akropolis von Athen. Die, eingebettet zwischen mediterranem Wohlfühlklima und Moussaka, ehrfürchtig als Wiege der Demokratie bestaunt wird. Doch in unserem dreiwöchigen Roadtrip entdeckten wir die Spuren eines griechischen Diplomaten, der in russischen Diensten zu einer treibenden Kraft bei der Entstehung der modernen Schweiz avancierte.


Wenn man an Griechenland denkt, erscheint einem wohl als Erstes die Akropolis von Athen. Die, eingebettet zwischen mediterranem Wohlfühlklima und Moussaka, ehrfürchtig als Wiege der Demokratie bestaunt wird. Doch in unserem dreiwöchigen Roadtrip entdeckten wir die Spuren eines griechischen Diplomaten, der in russischen Diensten zu einer treibenden Kraft bei der Entstehung der modernen Schweiz avancierte.

Zufälligerweise begannen wir unsere Griechenlandreise in der italienisch angehauchten Altstadt von Korfu und stolperten über die Statue von Ioannis Kapodistrias – erster Staatspräsident des modernen Griechenland. So weit, so interessant. Tausende Olivenbaumplantagen später erreichten wir Nafplio. Bei der Stadterkundung schlenderten wir zufällig an einer kleinen Kirche vorbei und entdeckten eine Gedenktafel. Darauf steht sinngemäss: «Hier wurde Ioannis Kapodistrias am 9. Oktober 1831 auf dem Weg zur Kirche erschossen.» Erstaunt über den Zufall, dass wir innerhalb von zwei Wochen den Geburtsort und den Ort seines Todes bereisten, packte mich die Neugier. Ich nahm den aufdringlichen Wink des Schicksals an und folgte den Spuren dieses Mannes.

Nachdem Napoleon schon Mühe bekundet hatte, die sturen Partikularinteressen der Kantone und deren kleinräumige, politische Sonderbarkeiten in eine funktionierende Staatsform zu zwängen, war die uneinige Schweiz nach seinem Rückzug 1812 heillos zerstritten. Mit der Hilfe von Kapodistrias, der als Diplomat die Interessen des russischen Zarenreichs vertrat, gelang die Einigung zu einer neuen Verfassung. Die Schweiz blieb als Pufferstaat zwischen den Grossmächten bestehen, ganz im Sinne Russlands. Nach Napoleons Ende wurde die politische Landkarte Europas am Wiener Kongress 1815 neu geordnet. Die Schweizer Delegation verhandelte schlecht und weibelte lieber für kantonale Interessen. Kapodistrias musste wieder ran.

Er erreichte mit dem Genfer Pictet de Rochemont die vertragliche Zusicherung der Grossmächte zur «immerwährenden Neutralität» der Schweiz. Die Schweiz trat einige Gebiete ab und erhielt neue dazu und damit ihre geografische Form, die weitestgehend bis heute Bestand hat. Doch im Gegensatz zu Griechenland wird an Kapodistrias in der Schweiz nur mit einer kleinen Büste in Ouchy und einem Platz in Genf erinnert. In Griechenland ist praktisch in jeder Stadt eine Strasse nach ihm benannt und sein Konterfei ziert die 20-Cent Münze, obwohl sein politisches Verdienst in seiner Heimat weit weniger erfolgreich war.

Wie schon viele Reisende zuvor, liessen wir uns von der mythischen Aura Griechenlands, als kulturellen Fluchtpunkt der westlichen Zivilisation, verzaubern. Lässt man die Akropolis jedoch für einmal links liegen, nimmt man neben der omnipräsenten Tsatsiki-Fahne noch eine Lektion in Schweizer Geschichte mit.


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Sternenmeer

Der Busfahrer ist 67 Jahre alt und ein ehemaliger Bauingenieur. Während der Fahrt zum Busbahnhof lamentiert er über die Arbeitslosigkeit, den Kapitalismus und lobt dabei die deutsche Disziplin. Wir sind zwar Schweizer und verstehen kein Italienisch, aber das Ziel und der Preis stimmen. Der Busbahnhof gleicht dann eher einem Parkplatz, und eine Anzeigetafel braucht es ja auch nicht, wenn man einen ganzen Chor schreiender Busfahrer hat. Willkommen in Albanien!


Der Busfahrer ist 67 Jahre alt und ein ehemaliger Bauingenieur. Während der Fahrt zum Busbahnhof lamentiert er über die Arbeitslosigkeit, den Kapitalismus und lobt dabei die deutsche Disziplin. Wir sind zwar Schweizer und verstehen kein Italienisch, aber das Ziel und der Preis stimmen. Der Busbahnhof gleicht dann eher einem Parkplatz, und eine Anzeigetafel braucht es ja auch nicht, wenn man einen ganzen Chor schreiender Busfahrer hat. Willkommen in Albanien!

Das Land litt mehr als 40 Jahre lang unter einer brutalen kommunistischen Terrorherrschaft, die bei ihrem Zusammenbruch die Menschen hungernd und ohne funktionierende staatliche Strukturen zurückliess. Der Übergang zu Kapitalismus und Demokratie verlief so schwierig, dass Albanien in den 1990er-Jahren als «failed state» betrachtet wurde und internationale Unterstützung brauchte. Kein Wunder, gibt es eine riesige albanische Diaspora, vor allem in Italien, die ihr Glück in Westeuropa suchte. Die albanische Diaspora in der Schweiz stammt überwiegend aus dem Kosovo.

Mittlerweile begegnet man in den Städten einer kosmopolitischen Jugend, die ihre subkulturellen Prägungen selbstbewusst auslebt. Ein weiteres Insigne des Kapitalismus rast uns in Form eines Sterns ständig um die Ohren. Kein Stern am Firmament, sondern auf der Motorhaube. Der Star auf den albanischen Strassen ist der Mercedes. Mit einem Anteil von rund 30 Prozent – eine Zahl des albanischen Strassenverkehrsamts – dominiert die deutsche Edelkarosse in allen erdenklichen Farben und Modellen das Strassenbild. Würde man bei jeder Sichtung einen «Kurzen» trinken… – Sie wissen, worauf ich hinauswill. Es sind grotesk viele.

Ob wegen strenger EU-Abgasnormen ausgemustert oder aufgrund des guten Rufs der deutschen Industrie, der Mercedes wurde zum Volkswagen der Albaner auserkoren. Vielleicht begann es als Geschenk der Diaspora oder der Zufall ist schuld. Es wurde ein Mythos und entwickelte sich zu einer Manie.

Auf küchenpsychologischer Ebene macht das Ganze vielleicht Sinn, wenn man bedenkt, dass es in Albanien bis 1990 verboten war, ein Privatfahrzeug zu besitzen. Nur der Diktator Enver Hoxha besass einige, die er jedoch nicht häufig ausfuhr. Um die Fassade, ein Mann des Volkes zu sein, nicht zu stark zu strapazieren, liess er seinen Mercedes in der Garage. Sie haben richtig gelesen. Der Diktator war ein Mercedes-Fan. Die Skurrilitäten um den Benzer scheinen nicht abzureissen. Um keine falschen Schlüsse zu ziehen, begrub ich meine Recherche und liess die Geschichte ruhen.

Jedes Aufheulen eines Motors, das durch die Plattenbauten der Hauptstadt Tirana dröhnt, ringt mir von nun an nur noch ein müdes Lächeln ab. Ich nehme einen Schluck exzellenten, albanischen Espresso und werde zukünftig das «Posen» mit dem Stern wohlwollend als ein Stück Kulturgut abtun.


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Von Basel nach Shkodra

Unsere Jobs, die Wohnung und der einlullende Alltag verschwinden hinter der sich schliessenden Tür des Intercitys. Wir, Dominique und Niko, schauen uns ungläubig an. Wir haben es getan. Ein letztes Winken, als wir an Sissach vorbeifahren, und 9 Stunden später spuckt uns der Zug am Wiener Hauptbahnhof aus. Der Rucksack wird aufgeschnallt, kurzer Orientierungsblick und Momente später liegen wir auf der Schlafcouch einer Bekannten. Am Tag darauf, schaue ich verschlafen aus dem Fenster, um mir zu versichern, dass wir wirklich nicht mehr zuhause sind.


Unsere Jobs, die Wohnung und der einlullende Alltag verschwinden hinter der sich schliessenden Tür des Intercitys. Wir, Dominique und Niko, schauen uns ungläubig an. Wir haben es getan. Ein letztes Winken, als wir an Sissach vorbeifahren, und 9 Stunden später spuckt uns der Zug am Wiener Hauptbahnhof aus. Der Rucksack wird aufgeschnallt, kurzer Orientierungsblick und Momente später liegen wir auf der Schlafcouch einer Bekannten. Am Tag darauf, schaue ich verschlafen aus dem Fenster, um mir zu versichern, dass wir wirklich nicht mehr zuhause sind.

Die nächsten 3 Wochen reisen wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch Ungarn, Slowenien, Kroatien und Montenegro bis nach Albanien. Unser Ziel: So weit wie möglich nach Osten zu reisen und dabei so wenig wie nötig zu fliegen. Die Hoffnung: Dass neue Eindrücke unseren Hunger nach mehr und die aufklaffende Lücke im Lebenslauf, gleichermassen grösser werden lassen.

Soweit die Theorie und nun zur Praxis.

Nach dem ganzen Recherchieren des nächsten Reiseziels, der Unterkunft und der Verpflegungsstätte, bleibt meist wenig Zeit, um sich Gedanken darüber zu machen, wie wir am besten in den Ort eintauchen, um einen authentischen Eindruck zu bekommen. Wir kratzen an der Oberfläche von Reisebroschüren, bleiben nur kurz, durchkämmen Orte und versuchen in einem Spiessroutenlauf, den Touristenfallen auszuweichen, um kurze Zeit später doch wieder in eine zu tappen. Was solls, einfach lächeln und geniessen. Wir fahren in Zügen mit herunterklappbaren Fenstern (Halleluja, es gibt sie noch!), die an jedem gottvergessenen Bahnhof halten und nahezu immer Verspätung haben. An der Adriaküste müssen wir von der Schiene auf die Strasse wechseln und feststellen, dass Busfahren nur halb so komfortabel ist, aber für eine Weile die einzige Option bleibt. Den Fahrtwind und das Rattern werden wir schmerzlich vermissen.

Im «Museum of broken relationships» in Zagreb, lachen und weinen wir ab den skurrilen und herzzerreissenden Trennungsgeschichten, die unbekannte Menschen anhand eines Gegenstandes erzählen, welcher mit ihren Ex-Partnern in Verbindung stand. Die Bandbreite reicht vom nicht gebrauchten Hochzeitskleid bis zum Hautfetzen, den eine Frau 27 Jahre lang gehütet hat, bis sie endlich bereit war, ihn dem Museum als Ausstellungsstück zu überlassen. Vielleicht verbirgt sich auch auf ihrem Estrich oder Keller eine verstaubte Erinnerungskiste einer verflossenen Liebe.

An der montenegrinisch – albanische Grenze müssen wir in einem langwierigen Prozedere zweimal aus dem Bus aussteigen, uns aufreihen, über den Zoll laufen und wieder einsteigen. Ich sehne mir tagträumend den Schengenraum herbei und werde plötzlich vom Ausstoss «Ah Svizzera!» des albanischen Zöllners aufgeweckt, der unseren Pass nicht mal aufklappt und uns lächelnd durchwinkt.


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Niko Schär (ehemals Geschichtsstudent) ist in Basel geboren, in Läufelfingen aufgewachsen und im Dunstkreis von Sissach sozialisiert worden. Er hat den Rucksack und seine grosse Liebe mitgenommen, um die kleinbürgerliche Idylle gegen die unbekannte, weite Welt einzutauschen.